„ESCAPE – International Performance Festival 2012″ Non Grata lässt den Hammer fallen

Non_Grata

Foto©Luz Scherwinski: Spreequerung im Rahmen des ESCAPE-Festivals. Michael Steger (Open Space), AL Padrock (Non Grata).


Das „ESCAPE – International Performance Festival“ Berlin hatte dieses Wochenende sein großes Finale. Wie im Vorjahr war das Programm vom Berliner Künstlerkollektiv Open Space / Open Space Performunion organisiert worden; die kuratorische Leitung lag bei Michael Steger. Die Gruppe nimmt schon seit den 1990er Jahren eine zentrale Stelle in der Berliner Performerszene ein – es war das sechste Festival dieser Art, von Vorgängern und Einflüssen wie etwa Theodor di Riccos Gallery SoToDo einmal abgesehen (Di Ricco war unter den Gästen). Zehn Tage lang zeigten über 100 Künstler aus mehr als 20 Ländern die ganze Bandbreite zeitgenössischer Performancekunst: vom Theatralischen zum tableau vivant, vom Musikalischen bis zum stummen Ritual, vom Nachdenklichen bis zum Gewagten. In einem bewundernswerten Kraftakt ist den Organisatoren und hundert helfenden Händen gelungen, ohne signifikante Finanzierung sowohl echten Stars der Szene als auch relativ neuen Zugängen ein gemeinsames Forum (und übrigens auch Übernachtungsmöglichkeiten) zu bieten.
Das Festival begann mit einer karnevalesken Parade inklusive Spreequerung auf einem „Flüchtlingsfloß“ und einer wilden Feier im Supamolly, Berlins uriger Location für alternative Kultur, bei der die Künstler sämtliche vorhandenen Räume (!) für Performances nutzten. Performance-Kunst lebt bekanntlich von einem intimen Verhältnis zwischen Publikum und Performern. Zum besonderen Charme vom Supamolly gehört das strikte Fotografieverbot – wir wollen uns an diesen Kodex halten und auch im geschriebenen Wort nicht berichten. Nur soviel: Es war wirklich nahezu unaussprechlich, was hier geschah. Supamolly war voll, die Feierlichkeiten dauerten bis in die Morgenstunden.
Über die Woche verteilt, gab eine große Anzahl exzellenter Performances an verschiedenen Orten: einen vom Performerstammtisch organisierten, eher akademischen Abend mit Brian McCorkle (USA), Esther Neff (USA) und anderen, einen Abend in den Clubräumen des Café Stadler mit Rhys Rodger (Australien), Saskia Edens (Schweiz) und anderen. Das Programm erreichte einen Höhepunkt an Intensität in den sakralen Räumen der Theaterkapelle, unter anderen mit Teatro Cinque (Italien). Herausragend Julie Jaffrenou (Deutschland/Frankreich) in „Red Carnation“ – sie kleidete sich vom Scheitel bis zur Sohle in rohes Fleisch. Philip Luddite (Dänemark) verbrannte eine Krone auf seinem Kopf. Bei der Performance der bekannten estnischen Schock-Performancegruppe Non Grata kam es dann zu einem Eklat. Die Künstler begannen eine Performance mit Feuer und Vorschlaghämmern, worauf das Management der Theaterkapelle den Auftritt abbrach. Wüste Beschimpfungen beendeten einen dennoch fantastischen Abend.
Ab Freitag fanden dann alle Performances in den BLO-Ateliers in Berlin-Lichtenberg statt, einem vormaligen Bahngelände, das heute für Ateliers und Veranstaltungen genutzt wird. Dieser Ort mit seinen wundervollen Gärten voller Skulpturen hat sich seit über zehn Jahren als sehr geeignet für kreatives Zusammenkommen erwiesen; ein perfekter Ort für die „autopoietische Feedback-Schleife“, die ja – laut Erika Fischer-Lichte – für Performance charakteristisch ist. Hervorragend die stark musikalische Darbietung von Philip Brehse (vormals Living Theater, New York / Jüdisches Theater, Berlin), Lars Crosby (Berlin), Irina Galli (Teatro Cinque) und Ana Milovanovic (Serbien), eine poetische Reflexion über Auswege, wie sie nur die Kunst ermöglicht. In einem Teil der Performance stellten drei der Performer Kunstwerke her, wechselten dann ihre Standorte und zerstörten die Werke
der jeweils Anderen. Weiter ging es im Garten mit Nadine Steinert (Deutschland) und ihrer
Performance „Tight Laced Tied“; mit großer Artistik befreite sie sich zunächst aus einem Stoffkokon, der in den umstehenden Bäumen hing. Danach gab sie Mitgliedern des Publikums Seile zu halten, verwickelte sich in diese wie in ein Netz; am Ende stand einmal mehr der Ausweg – Escape. Wieder unter Dach zerschlug Peter Grzybowski (USA) in einer medienkritischen Performance eine Reihe von Monitoren.
Auch das Samstagprogramm folgte dem Format, immer zwischen einer Outdoor- und einer Indoor-Performance zu wechseln. Herausragend auch hier wieder Teatro Cinque sowie Luna Winter. Beiden wurde von dem ca. 200 Personen umfassenden Publikum großer Applaus zuteil. Anschließend schlüpfte in Amy J. Klements (USA / Berlin) „f(l)ight“ ein menschliches Vogelwesen aus einem Ei, flatterte wie ein Küken und legte dann selber ein Ei; dieses allerdings gelangte nicht zur Reife, sondern wurde in der darauf folgenden Performance von Performunion „Naked Kitchen“ in einer begehbaren Skulptur von Alfredo Sciuto (Italien / Berlin) unter Laborbedingungen zu Spätzle verarbeitet. Das Publikum
nahm die Speisung dankbar entgegen.
Tatsächlich gab es so viel mehr als nur das zu sehen, was auf dem Programm stand – und allein das kann in seiner Gesamtheit schon kaum erfasst werden. Open Space ist in Wirklichkeit ein Künstlernetzwerk. Zahlreiche Performer unterstützten einander mehr oder weniger spontan; zwischen Publikum und Darstellern gab es immer wieder fließende Übergänge. Lobenswert auch die Moderation durch Michael Steger; und schön, so viele Performances zu sehen, die in gemeinsamer Spiel- und Schaffensfreude die Grabenkämpfe, die um diese Disziplin gerne gefochten werden, vergessen machten („Ist es Theater? Ist es bildende Kunst? Ist es Kleinkunst? Gehört Musik dazu? Ist Performance stets ohne Text?“).
Das Festival wird eine Auszeit nehmen und soll 2014 in erneuerter Form wieder stattfinden. Und das lässt uns beinahe melancholisch werden: Ein Programm dieser Qualität in einer so intimen Atmosphäre mit einem solchen Publikum werden wir so bald nicht wieder zu sehen bekommen.